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Ungelöst
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Fünf Frauen, ein Hund und ein allwissender Erzähler

Corinna Grimm wird zwei Mal getötet und vier Mal begraben werden. Die Sache wird folgendermaßen vor sich gehen:

Beim ersten Mal  wird Ernst Breithaupt (47) aus Schalkenmehren am 14. Februar 2010 beim Umschichten des Komposthaufens auf dem idyllisch gelegenen Friedhof am Vulkansee Weinfelder Maar, auch Totenmaar genannt, auf eine stark verweste Frauenleiche stoßen. Zwei Tage später wird Gertrud Grimm (35) ihre Schwester Corinna zweifelsfrei anhand ihres blauen Mantels identifizieren, obwohl sie diesen noch nie und ihre Schwester seit Jahren nicht gesehen hat.

Zu diesem Zeitpunkt wähnt Gertrud ihre Schwester in Wahrheit im fernen Martinique, wohin sie vor Jahren mit Pierre Lagrange, einem Bademeister aus Montpellier, durchgebrannt ist. Gertrud ahnt nichts davon, dass Corinna nach schneller Heirat mit dem niemals eingelösten Versprechen auf Palmen und Sandstrand sitzengelassen wurde und in Frankfurt auf die Wiederkehr des Bademeisters wartet, erst geduldig, dann verzweifelt und letztendlich vergebens. Corinna nennt niemals ihren Mädchennamen und hat keine feste Adresse und so weiß niemand, wie schwer sie die Einsamkeit erträgt, dass sie jeden Halt verloren hat, immer neue Männerbekanntschaften auf Parkbänken und in Suppenküchen schließt und dabei Pierre aus Montpellier dennoch nicht vergessen kann.

Gertrud wird die Tote aus dem Kompost zu ihrer Schwester machen und in einem Sperrholzsarg begraben lassen, weil sie sich sicher ist, dass ihr die Schwester, vermeintlich braungebrannt und glücklich im fernen Badeparadies, das Elternhaus niemals gönnen würde, das sie 2009 nach dem tödlichen Autounfall ihrer Eltern bezogen hat. Das Verhältnis der Schwestern ist schon seit Kindertagen zerrüttet, als sich Gertrud einen Spaß daraus machte, der verwöhnten kleinen Schwester jedes neue Spielzeug mit einem Hammer aus dem Werkzeugkasten des Vaters zu zerschlagen.

Doch im Oktober 2010 wird Corinna sich sagen, dass es Zeit sei für eine Heimkehr und eine Versöhnung mit der älteren Schwester. Sie wird sich per Anhalter auf den Weg machen. Der letzte Autofahrer wird die Abfahrt Manderscheid nehmen und sie in Pantenburg absetzen, von wo aus sie sich zu Fuß auf den Weg machen wird. Am 9.Oktober 2010, an einem kalten, frühen Herbstmorgen, wird sie also stadteinwärts Richtung Daun unterwegs sein, sie wird langsam gehen und ab und zu einen Schluck aus ihrem Flachmann nehmen. An diesem Morgen wird keiner sie zu Gesicht bekommen außer einem Bauern, der mit seiner Erntemaschine unterwegs ist. Corinnas Hund, eine kleine Promenadenmischung, die auf den Namen Poldi hört, wird voraus laufen und hin und wieder stehen bleiben, um das Bein zu heben oder im Böschungsgestrüpp zu schnüffeln.

Jolanta Hurm (51) wird zur selben Zeit in ihrem silbergrauen Opel Corsa auf derselben Straße stadtauswärts unterwegs sein, um ihre kranke Mutter in Gillenfeld zu versorgen. Durch das offene Fenster ihres Wagens wird die kalte Herbstluft hereinschießen und nach der von den Pflugmaschinen aufgerissenen Erde duften. Jolanta hat erst nach der Trennung von ihrem Mann den Führerschein gemacht. Sie bremst herunter, als an diesem Morgen eine große Erntemaschine die Luft zwischen beiden Fahrzeugen zu einer schmalen Schicht zusammenpresst. Danach wird sie befreit auf das Gaspedal treten und einen Moment lang den Blick über die abgeernteten Felder schweifen lassen. Dabei wird sie darüber nachdenken, ob sie der Nachbarin zum Dank für die gelegentliche Versorgung der Mutter einen Kuchen backen oder sie ganz einfach bezahlen sollte, doch sie kommt zu keinem Entschluss. Seitdem sie ihr Mann verlassen hat, gerät sie bei jeder anstehenden Entscheidung in ein Gewirr von Argumenten und Gegenargumenten, die in ihrem Kopf endlos hin- und herfliegen.

Etwa drei Sekunden später werden Jolanta und Corinna aufeinander treffen. Es wird einen Schlag geben, für Corinna wird es sofort dunkel, während Jolanta um ein Haar die Kontrolle über ihren Wagen verliert.

In diesem Augenblick wird Corinna Lagrange, geborene Grimm, zum zweiten Mal sterben. 

Jolanta, voll ungeahnter Entschlusskraft, wird es in der folgenden Nacht gelingen, die Leiche Corinnas, verschnürt und beschwert mit zwei Säcken Zementputz, die ihr Exmann im halbfertigen Anbau des gemeinsamen Einfamilienhauses zurückgelassen hat, im Totenmaar zu versenken. Dies ist Corinnas drittes Begräbnis. Es wird keine Zeugen geben. Dank eines handelsüblichen Polsterreinigers wird es Jolanta zudem gelingen, die Blutflecke auf dem Rücksitz ihres Wagens beinahe vollständig zu entfernen.

Poldi wird auf der Suche nach Frauchen und etwas Fressbarem ein paar Tage herumirren und schließlich im Tierheim von Mayen abgegeben werden. Er wird kurz darauf den aus Katzwinkel stammenden und seit ein paar Wochen in der Tierpflege ehrenamtlich beschäftigten Magnus Hitzbrink (26) so heftig in die Hand beißen, dass dieser ihm noch am selben Tag eine Portion Rattengift unter das Futter mischt. Hitzbrink hat eine Abneigung gegen Hunde.

Corinnas Schwester Gertrud wird sich am 11.Oktober 2010 eine neue Einbauküche ins Elternhaus liefern lassen.

Fast zwei Jahre später, am 23.September 2012, wird Helene Diesvogel (48) aus Pützborn bei einem Nachmittagsspaziergang am Totenmaar die angespülten Teile eines menschlichen Skeletts im Uferschlamm entdecken und die Polizei rufen. Wieder zu Hause, wird Helene eine Beruhigungstablette nehmen und telefonieren, um alle Termine mit ihren Klavierschülern abzusagen. Dann wird sie sich an ihren Schreibtisch setzen und auf das Bild ihrer vor drei Jahren verschwundenen Tochter Vanessa starren. Sie wird sich ganz sicher sein, dass sie an diesem Morgen ihre Tochter gefunden hat und nur noch auf den bestätigenden Anruf der Polizei warten.

Am nächsten Morgen, dem 24. September 2012, wird der Tierpfleger Magnus Hitzbrink aus der Tür des Tierheims in Mayen treten, einen Augenblick lang stehen bleiben und sich die Stelle an seiner Hand reiben, in die sich Poldi seinerzeit verbissen hatte. Die Stelle wird Hitzbrink auch in Zukunft dauerhaft schmerzen, besonders bei Wetterumschwung.
 
Hitzbrink will sich auf dem Weg  zum Bahnhof am Kiosk eine Zeitung kaufen. Er wird die Schlagzeile sofort bemerken, dem Drang jedoch widerstehen, die Zeitung aus der Halterung zu reißen. Der Kioskbesitzer wird die Münzen entgegen nehmen und Magnus Hitzbrink wird sich zwingen, zunächst die Sportseiten aufzuschlagen. Erst dann wird er, äußerlich ruhig, zurückblättern und feststellen, dass man die Leiche am Ufer des Totenmaars gefunden hat. Sein Herzschlag wird sich beruhigen, denn dort hat er keines seiner Opfer gelassen. Hitzbrink hat eine Abneigung gegen Wasser.

Bisher ist nur sein erstes Opfer entdeckt worden. Magnus Hitzbrink wird flüchtig an die kleine Blondine mit dem Namen Vanessa denken und sich sagen, dass der Komposthaufen ein törichter Anfängerfehler war, wie er ihm niemals wieder unterlaufen wird.

Die Polizei wird Helene Diesvogel mitteilen, dass es sich bei der von ihr gefundenen Toten nicht um ihre Tochter handelt. DNA-Tests werden ins Leere verlaufen. Corinna wird als ungelöster Fall ein viertes, ein papiernes Begräbnis in den Polizeiakten erhalten. Und so wird Helene Diesvogel nie erfahren, dass sie durch Zufall jene Frau gefunden hat, in deren Grab auf dem Friedhof von Daun seit zweieinhalb Jahren ihre Tochter Vanessa liegt.

Gertrud Grimm wird im Frühsommer 2015 bei der Kirschernte im Garten ihres Elternhauses von der Leiter fallen und sich den Hals brechen.

 

 Copyright © 2009 Anke Laufer

 


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