Der blinde Fleck
Ich öffne die Augen. Das Licht bricht sich auf seinem Weg durch den grünen Vulkansee. Der Himmel verschwimmt. Ich hole Luft und atme Wasser. Meine Lunge, meine Adern, meine Zellen füllen sich mit dem Seewasser und ich fühle mich schwer. Schwer, so schwer und ich sinke. Eine Blutspur folgt mir und färbt den jadegrünen See rot.
Plätschern. Lasses verblichener Schatten in der Ferne. Er kehrt mir den Rücken zu und hastet zum Ufer. Seine gelben Gummistiefel hinterlassen Wellen, die nicht mehr zu mir durchdringen.
"Nein!", schreie ich lautlos, "Verlass mich nicht! Du hast es versprochen!"
"Peng! Peng!", schreit Lasse.
Ich fasse mir an die Brust, da, wo ich mein Herz vermute. Theatralisch stürze ich zu Boden. Das vorübergehend zahnlose Grinsen meines sechsjährigen Freundes schwebt über mir. Die Ketschup-Flasche gibt ein schmatzendes Geräusch von sich, als Lasse mit Präzision unser improvisiertes Kunstblut auf meinem weißen Kleid verteilt.
"Lass das! Das gibt Flecken und meine Mama meckert dann heute Abend!", beschwere ich mich.
"Oh, Entschuldigung...", stottert er und versucht kläglich, mit seinen kleinen Patschehändchen den Ketchup von meinem Kleid zu wischen. Seine Wangen sind röter als der Ketschup.
Ich richte mich auf und bin ihm plötzlich ganz nahe. Seine klebrige Hand in meiner gebe ich ihm einen scheuen Kuss. Meinen ersten, unseren einzigen.
"Wir sind verlobt!", quietsche ich viel zu schrill. Doch heute Abend ist es egal, heute ist mir alle egal. Ich quietsche und schreie und kichere als wäre es das letzte Mal und irgendwie stimmt das ja auch vielleicht. Meine Zeit als Junggesellin ist jetzt offiziell vorbei. Keine Reaktion von Lasse. Vielleicht hat er mich im Getöse der überfüllten Bar nicht gehört.
"Leander hat mich heute gefragt! So richtig mit Kniefall und so! Und das nach nur sechs Monaten! Ich kann es noch gar nicht glauben!" Jedes Wort sollte heute groß geschrieben werden und jeder Satz mit einem Ausrufezeichen enden.
"Ja.", haucht Lasse, "Es ist wirklich kaum zu glauben."
Ich erzähle und ich kichere und Lasse raucht und hört zu, so wie er immer zuhört, seit über 25 Jahren nun zuhört. Seine Finger spielen mit der Plastikfolie der Zigarettenpackung und er zieht an seiner Marlboro, schneller, häufiger als sonst. Die Frequenz seiner Züge erhöht sich proportional zu dem Grad seiner Erregung.
"Lasse?"
Er blickt auf von der Plastikfolie, die inzwischen in Stücke zerfriemelt auf der weißen Tischdecke verteilt liegt.
"Lasse, du warst immer für mich da. All die Jahre, all die vielen, grauenhaften Männer hast du mit mir durch gestanden und immer zu mir gehalten."
"Sag mal, übst du grade deine Tischrede an mir?", unterbricht er mich und sein Witz klingt spröder als sonst.
"Grr, nein, lass mich doch mal ausreden! Was ich sagen wollte – du bist mein bester Freund, Lasse, und ich liebe dich...!", er blickt auf, und ich platze mit der Neuigkeit heraus, "Bitte, Lasse, sei mein Trauzeuge!"
Erst sagt er nichts. Eine Weile starrt er mich nur an, völlig überwältigt. Dann nickt er langsam.
"Ja, natürlich Mari. Ich tue doch alles für dich."
Seine Stimme knackt, als würden wir durch ein Telefon miteinander sprechen, dumpf.
"Würdest du mich jetzt bitte entschuldigen? Ich habe noch einen Termin."
"Um die Uhrzeit?", entgegne ich perplex. "Achso, Karla und du wollen euren freien Abend ohne den Kleinen feiern?", grinse ich.
Er lächelt müde. Und dieses Lächeln ist das letzte, was ich von ihm sehe, vier endlose Wochen lang.
Der Regen fällt in dichten Schnüren herab. Völlig lautlos, ohne Plätschern, so, als wolle er einen vergessen lassen, dass er überhaupt da ist. Nur ein endloses "Schhh...", das Geräusch, das meine Mutter gemacht hat, wenn sie mich beruhigen wollte.
"Schhh, meine Kleine, alles wird gut!", sagt der Regen, nicht wissend, dass er mich nicht mehr beruhigen muss. Vier Wochen rastlose Suche, auf jeder Autobahn, in jedem Hotel, in jedem gottverdammten Landgasthof der Eifel habe ich ihn gesucht und jetzt steht er hier, einfach so vor mir.
Lasse trägt nur ein dünnes weißes Hemd, das längst vom Reden trieft, aber es kümmert ihn nicht. Er lehnt an dem Spielplatzgerüst und raucht, als sei nichts, als wäre nie etwas gewesen.
"Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?", brülle ich, "Ich habe jeden verfickten Stein zwischen Koblenz und Trier umgedreht und du steht hier seelenruhig an irgendeiner Autobahnraststätte und rauchst! Verdammt, deine Frau hat sich Sorgen um dich gemacht! Und dein Sohn übrigens auch, falls du grade an spontaner Amnesie leidest und einfach mal so deine Familie vergessen hast!"
Er sagt nichts. Er schnippt die Kippe in den Sandkasten und versucht sich eine neue anzuzünden. Er tut mir leid, wie er da steht und seine letzte Zigarette im Regen aufweicht. Ich schirme sein Feuerzeug vom Regen ab und er ist plötzlich wieder Lasse und ich bin plötzlich wieder Mari.
"Warum bist du gegangen, Lasse?", flüstere ich.
Lasse zieht an der Zigarette und lächelt schwermütig:
"Ich bin auf der Flucht."
"Aber wovor denn, verdammt?"
"Vor mir. Vor dir. Aber egal. Jetzt hast du mich ja gefunden."
Es ist dunkel und wir liegen schweigend nebeneinander in einem Ehebett, das für Riesen gemacht worden ist. Morgen verfrachte ich ihn in mein Auto und bringe ihn nach Hause. Ich weiß, dass er nicht schläft, doch wir haben seit Stunden kein Wort mehr gewechselt. Es ist seltsam, direkt neben ihm zu liegen und nicht mit ihm zu sprechen, ihn nicht berühren zu können. Lasse ist mir so nahe, dass ich ihn riechen kann. Ein Duft nach Tabak und frisch gewaschener Wäsche. Er liegt am äußersten Rand seiner Seite und trotzdem kann ich seine Wärme spüren. Ich möchte ihn nur einmal berühren, ihn einmal so anfassen, wie ich es mich all die Jahre nicht getraut habe.
Tau hängt an den Graßhalmen. Die Tiere, die hier an der Grenze zwischen Wald und Laacher See leben, erwachen gerade. Man hört es an ihrem müden Zierpen und Quaken. Über mir droht der Schatten der Abtei. Ich weiß, wozu er mich an diese Waldlichtung geführt hat, aber ich verstehe immer noch nicht, warum er das tut.
Ich blicke in sein verzweifeltes Gesicht und dann ohne Überraschung in den Lauf der Pistole.
"Versprich mir zumindest, mich nicht zu verlassen.", sage ich.
"Peng, Peng!", sagt Lasse.