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Sudoku-Man

Kennen Sie New York? Wenn nicht, kein Problem. Ich kenne New York auch nur von Fotos und aus dem Fernsehen. Stellen Sie sich New York vor, ohne Wolkenkratzer, ohne Meer, ohne Freiheitsstatue, ohne große Straßen, ohne Autos, ohne Menschen. Was Sie nun vor sich sehen, kommt dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, schon sehr nahe – 53359 Hilberath. Hilberath, das „Tor zur Eifel“. Für mich war es immer nur das „Tor zur Hölle“. Jetzt arbeite ich in Meckenheim. Auch nicht viel besser. Wäre ich mal lieber nach Rheinbach gezogen, da gibt es wenigstens einen Burger King. Meckenheim ist so ein richtiger Ort zum Untertauchen. Hier findet einen niemand, weil niemand da ist, der einen finden könnte. Ab morgen bin ich weg von hier – das ist so etwas von sicher.
„Eifelturm“ so heißt das Café, in dem ich arbeite. Eifelturm wohlbemerkt mit einem F. Ich arbeite hier schon so lange, dass mir eigentlich eine Betriebsrente zustehen müsste. Aber so etwas gibt es in der Eifel nicht. So etwas gibt es nur in großen Städten, wie Bonn, Aachen – oder eben New York.

Das Café liegt in der Nähe vom Bahnhof – quasi auf der 5th Avenue von Meckenheim – in der, wie könnte sie auch anders heißen, Bahnhofstraße. Die Inneneinrichtung ist aus den 80er Jahren. Schwarze Stühle, schwarze Tische, schwarz-weiße Fliesen, ungeschickt angebrachte Halogenscheinwerfer, ein paar Spiegel, Schwarz-Weiß-Fotos von Paris, unter anderem auch eines vom Eiffelturm. Richtig gemütlich also.
Da die Miete eh gezahlt werden muss, öffnen wir schon um 8 Uhr. Mir ist das ganz recht, denn so komme ich wenigstens zum Zeitung lesen. Um die Zeit kommt nämlich keiner in das Café, zu eilig haben es die Menschen, Meckenheim mit der Bahn so schnell wie möglich zu verlassen.

Dies änderte sich vor einem Jahr. Vor einem Jahr nämlich stand um Punkt 8 Uhr ein schwarz gekleideter Mann im Café. Schwarzer Trenchcoat, schwarze geschnürte Lederhose, Sonnenbrille, lange schwarze Haare. Ob ich ihm weiterhelfen könne, fragte ich ihn. Mir war klar, dass dieser Großstadt-Cowboy sich verlaufen haben musste. So wie der angezogen ist, sucht er bestimmt die Straße seiner verstorbenen Tante, dachte ich mir.
„‘N Kaffee und ‘n Brötchen mit Butter.“ Ohne auf eine Reaktion von mir zu warten, setzte sich der Typ an einen Tisch am Fenster. Er hatte eine schwarze Ledertasche dabei, aus der er ein Heft und eine Stoppuhr zog. Ich brachte dem Mann seinen Kaffee und sein Brötchen mit Butter.
Ok, ich bin vielleicht nicht die Schönste im Lande, aber einen kurzen Blick auf meine Brüste hatte ich eigentlich schon erwartet. Hallo, ich öffne doch nicht umsonst die beiden obersten Knöpfe meiner Bluse und beuge mich so tief herunter, dass ich seinen Fußschweiß riechen kann. Der Typ jedoch verzog keine Miene, würdigte mich nicht mal eines Blickes. Ich hingegen musterte ihn sehr genau. Er war groß und stark. Seine Hände waren leicht gelblich und so riesig, dass sie mein ganzes Gesicht hätten abdecken können. Er hatte lange gepflegte Fingernägel. Vielleicht ein Gitarrenspieler oder sogar Rockstar?
Genau eine Stunde blieb er. Ständig schrieb er in dem Heft herum und stoppte die Zeit. Ab und zu sah er aus dem Fenster.

Am nächsten Tag kam er zu meiner Freude wieder. Ich war spät dran, und er kam bereits um die Ecke, als ich das Café aufsperrte. Wieder bestellte er einen Kaffee und ein Brötchen mit Butter. Diesmal ließ ich alle Knöpfe zu.

Obwohl ich einen Höllenrespekt vor dem Kerl hatte, hielt ich es nach zwei Wochen nicht mehr aus. Meine Neugier war stärker geworden als meine Angst, eine Eigenschaft, die mir noch mal irgendwann das Leben kosten wird. „Was schreiben Sie denn da in diese Hefte?“, fiepste es aus mir heraus, als hätte ich diese Frage vor 300 Leuten gestellt. Ich spürte, wie meine Wangen den Rotton meiner Samstagnacht-Ausgeh-Plateau-Sandaletten annahmen. Wie peinlich.

„Sudoku.“ Sudoku, das war alles, was er sagte. Sudoku sagte mir zu diesem Zeitpunkt nichts. Abends googelte ich im Internet. Anscheinend war da mal wieder ein Trend an mir vorbeigegangen. Sudoku, ein Kreuzworträtsel für Zahlenliebhaber. Obwohl ich mich wirklich anstrengte, schaffte ich nicht eines dieser Rätsel auf der Internetseite zu lösen. Mein Stammgast, den ich in diesem Moment „Sudoku-Man“ taufte, stieg in meinem Ansehen. Ein schlauer Kerl, dachte ich mir. Vielleicht kannst du von dem noch mal was lernen.

Das Ritual von Sudoku-Man zog sich über ein Jahr hin. Ich liebte die Stunde zwischen 8 und 9 Uhr, in der er mit seinen Rätseln am Fenster saß. Durch intensives Beobachten fand ich heraus, dass er jedes Mal die Zeit stoppte, die er benötigte, um ein Sudoku zu lösen. Wenn er besonders schnell war, konnte man mit viel gutem Willen ein Lächeln auf seinen schmalen Lippen erkennen, welches mir gut gefiel
Auch bemerkte ich, dass er es mochte, wenn ich sein Brötchen besonders dick mit Butter bestrich. Ich hatte dann das Gefühl, dass er mir sogar auf meinen Hintern schaute. Dabei erwischt habe ich ihn allerdings nie.

Der gestrige Tag veränderte dann mein Leben. Sudoku-Man saß bereits rund 20 Minuten im Café, als ein kleiner schmächtiger Mann mit einem Rucksack die Tür öffnete. Er war sehr nervös, schaute um sich wie ein aufmerksames Erdmännchen. Während er an der Garderobe stand, betrachtete er mich mit Argwohn. Aber auch der lüsterne Blick auf meinen Minirock entging mir nicht.
Der Neue setze sich zu Sudoku-Man. Ich öffnete die ersten beiden Knöpfe meiner Bluse und ging zum Tisch herüber. „Milchkaffee mit viel Milch“, zischte es durch wenig Zähne. Diesmal verfehlten meine Brüste ihre Wirkung nicht. Ich merkte, wie die Blicke des Neulings mir auch noch lange nach der Bestellung folgten.
Die beiden Männer unterhielten sich im Flüsterton. Sie stoppten sofort das Gespräch, als ich den Kaffee brachte. Dennoch bekam ich mit, dass sie sich am Mittag noch einmal treffen wollten. Draußen hörte man eine Polizeisirene.
Ohne einen Schluck von dem Kaffee zu trinken, verließ der Neuling abrupt das Café. Auch Sudoku-Man blieb an diesem Morgen nicht bis 9 Uhr. Rund zwanzig Minuten später stand er plötzlich vor mir. Er zahlte – zum Glück auch den Kaffee von seinem Bekannten – und gab mir das erste Mal, seitdem er aufgetaucht war, Trinkgeld. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich Sudoku-Man nie wiedersehen würde.

Heute war ich schon um 7 Uhr im Café. Ich hielt es zu Hause nicht mehr aus. Wenn Sudoku-Man doch nur noch ein letztes Mal auftauchen könnte, dann würde ich ihn fragen, ob er mich nicht mitnimmt, egal wohin, einfach nur weg.

8 Uhr. 8:15 Uhr. Scheiße, Mann, er wird nicht wieder kommen. Mal wieder eine Gelegenheit so etwas von verpatzt. Ein Jahr hattest du Zeit, du dumme Vorstadtpunze.

Ich nahm die Zeitung vom Tisch. Seit einem Jahr hatte ich sie nicht mehr morgens gelesen, zu beschäftigt war ich gewesen, Sudoku-Man zu beobachten.
„Mord in Meckenheim“. Mein Gesicht hätte ich selbst gerne gesehen, als ich ein Foto von Sudoku-Mans schmächtigem Bekannten auf der Titelseite sah. Laut der Bildzeitung war der Bekannte von Sudoku-Man übel zugerichtet und schlecht verbuddelt in einem Meckenheimer Waldstück um 17.00 Uhr gefunden worden. Der Mann hatte vor einiger Zeit einen Bankraub mit einem Freund verübt. Während der Freund nie identifiziert worden war, suchte man Sudoku-Mans Bekannten schon rund eineinhalb Jahre. Untergetaucht war er angeblich – im Ausland.

Eine große gelbe Hand zog mir die Zeitung aus der Hand. Die Fingernägel der Hand waren mit Erde verschmutzt. Mein Puls beschleunigte schneller als die Yamaha VMax meines Ex-Freundes aus Euskirchen. Langsam blickte ich nach oben. Vor mir stand – mit einem Koffer in der Hand – Sudoku-Man.
Und dann begann Sudoku-Man wahrscheinlich mit dem längsten Monolog seines Lebens: „Ich sollte mich in der Eifel ruhig verhalten – was kann man hier auch anderes machen. Wir vernichteten alles, was jeweils auf den anderen hindeuten konnte. Karl nahm die Kohle mit. Er wollte ein wenig verschwinden und ein paar von den sicherlich registrierten Scheinen auf der Welt verteilen. Vereinbarter Treffpunkt war zwischen 8 und 9 Uhr in diesem Café. Wenn die Luft rein ist, sollte ich Sudoku spielen.“ Sudoku-Man sah mir tief in die Augen. Er trug heute keine Sonnenbrille. Seine Augen schienen nur aus Pupillen zu bestehen, die mir einen Einblick in das schwarze Innere seines Kopfes gewährten.
„Nur das verdammte Datum für unser Treffen haben wir vergessen auszumachen... Ich wusste nicht, wo Karl steckt, Karl wusste nicht, wo ich stecke, und wir vergessen das verdammte Datum auszumachen. Verdammte Hurenscheiße, verdammt, verdammt.“
Die Bildzeitung lag in kleinen Schnipseln verteilt auf dem Boden. Ich glaube Sudoku-Man bemerkte gar nicht, wie er sie während seiner Ausführungen zeriss.
„Karl meinte, er hätte das Geld verloren. Haha, dass ich nicht lache. Einen Rucksack mit 700 Tsd. Euro verloren! Wahrscheinlich in der Bahn liegen gelassen bevor wir uns gestern hier trafen, behauptete er. So eine selten beschissene Lüge habe ich seit der Mondlandung nicht mehr gehört.“
Dann packte mich Sudoku-Man am Hals, schlug mich hin und her, als wollte er das Geld aus mir herausschütteln, und brüllte los: „Ein Jahr warte ich hier auf ihn. Verstehst du, ein verdammtes Jahr. Ich hasse es früh aufzustehen. Ich hasse es zu warten und ich hasse Sudokus. Aber am meisten hasse ich es, verarscht zu werden.“
Ich war mir sicher, dass Sudoku-Man nun eine Pistole ziehen würde, um mir, der einzigen Zeugin, ein schönes Loch in den Schädel zu treiben. Oft genug hatte ich dies im Fernsehen gesehen. Aber es kam anders. Sudoku-Man ließ mich los und drehte sich langsam um. Wie John Wayne, der dem Horizont entgegenreitet, verließ er das Café und ging in Richtung Bahnhof.

Ich stand wie angewurzelt an der Theke. Etwas in mir schrie: „Los, renn ihm hinterher. Bitte ihn, dass er dich mitnimmt.“ Mir war klar, dass er nicht wiederkommen würde. Er muss jetzt erst mal untertauchen, irgendwo, in einem Ort wie Meckenheim, einem Ort, an dem es keine Menschen gibt.
Endlich konnte ich die Lippen wieder bewegen. „Lass mich hier nicht alleine“, flüsterte ich in das leere Café. Mit immer noch zitternden Händen zog ich den Rucksack unter der Theke hervor, den gestern jemand unterm Tisch vergessen hatte. Er war sehr schwer und roch nach… New York.


„Versprich mir zumindest, mich nicht zu verlassen.“, sage ich.
„Peng, Peng!“, sagt Lasse.

 Copyright © 2009 Thomas Kiehl

 


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