Der Pokal
Er beobachtete die Pose. Leuchtend orange taumelte sie auf der dunklen Oberfläche des Maars. Wie eine kleine Boje. In einem Bogen führte die feine, bläuliche Angelschnur von der Wasseroberfläche zum Spitzenring der Rute. Der Wind stellte die Pose schräg, kleine Wellen dreggten um den Körper aus Kork. Hans Kleinfeld benutzte nur Naturmaterialien für seine Schwimmer. Beim Angeln war er Traditionalist. Der ganze neumodische Kram war ihm zuwider, wie er bei jedem Angler-Stammtisch betonte. Der Stammtisch. Als er letzten Sonntag in die Kühle Quelle kam, verstummten die Gespräche. Wie in einem alten Western, hatte er noch gedacht. Dann hatten die Kollegen aus dem Angelverein einer nach dem anderen bezahlt und waren gegangen. Auch jetzt hielten sie Abstand, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Der Pokal stand auf einem Tisch am Ufer, er glänzte wie Gold in der Morgensonne. Der Pokal, den Gereon Wagner mit großer Geste gestiftet und fünfhundert Euro Preisgeld unter dem Beifall der Angelbrüder dazugelegt hatte. Kein Wunder, dass heute alle da waren. Selbst Hufgard, der Ortspolizist versuchte sein Glück, er, der nie etwas fing. Vor dem Tisch die noch leeren Stühle der Richter und die Fischwaage. Drüben, am anderen Ufer des Maars drängten sie sich beinahe. Rute neben Rute hing dort über dem Wasser. Ihm sollte es recht sein, die dicksten Karpfen hielten sich noch im Schatten und der Schatten war bei ihm. Licht und Schatten, dachte er. Schon in der Lehrzeit hatte sich Gereon Wagner aufgespielt, beim Tanz hatte er die hübschesten Mädchen abbekommen und später Agnes geheiratet. Agnes, die auch von Hans umworben wurde. Sie war zu einer hochnäsigen Unternehmersgattin geworden, die ihn kaum noch grüßte. Dabei hatte er stets besser gearbeitet, er, zu dem das Material sprechen würde, wie der alte Schustermeister immer sagte. Hans liebte den Duft von Leder und Klebstoff in der Werkstatt, Gereon war der Geruch schon damals zuwider. Deshalb hatte er, Hans, das Geschäft vom alten Ackermann bekommen, nicht Gereon. Der hatte dann fabrikfertige Schuhe verkauft, Billigware. Erst hier im Ort, dann kam in der Kreisstadt die erste Filiale, bald die zweite, dritte. Wagner-Schuhe – wie oft hatte er sie in der Hand, schlecht verarbeitete, widerspenstige Laufartikel. Unter guten Schuhen verstand Hans etwas anderes. Doch wer kaufte heute noch gute Schuhe? Gereon war ein echter Geschäftsmann, das musste man ihm lassen, aber kein Schuster. Auch kein Angler. Nur durch seine Spenden war er zum Vorstand gewählt worden, kaum einer stimmte dagegen für ihn, Hans Kleinfeld. Dabei holten alle das Karpfenfutter bei ihm. Keiner mischte solch fängigen Futterbrei. Auch heute fischten alle damit, selbst der Ortspolizist. Alle waren sie die letzten Tage gekommen und hatten kleinlaut einen Eimer mitgenommen, auch wenn sie ihm auf der Straße aus dem Weg gingen. Wegen des Verdachts. Er lächelte und gab Schnur nach, damit die Pose etwas weiter hinaustreiben konnte. Eine sonntägliche Ruhe lag über dem Wasser. „Die Maare sind die Augen Gottes,“ hatte sein Vater einst gesagt, als sie am Ufer des kreisrunden Sees standen.
Freitag vor einer Woche war es gewesen. Es kam Hans vor, als läge der Abend und die lange Nacht Jahre zurück. Es hatte an der Tür zur ehemaligen Waschküche geklopft, Hans war gerade dabei, das Gaff zu schleifen. Er liebte gepflegtes Werkzeug. Mit dem Daumen prüfte er die Edelstahlspitze - bleistiftspitz. Wie in zimmerwarme Butter würde der Haken in die Karpfenköpfe dringen, um die schweren Körper aus dem Wasser zu ziehen. Gereon Wagner stand vor seiner Tür. Wie immer im Anzug. Er trug feine englische Schuhe, die hatte er sicher nicht in seinem eigenen Sortiment. Gereon schaute sich pikiert in der Waschküche um. „Na, Kleinfeld, bereitest dich auf den Wettkampf vor?“
„Was willst du?“ Das auslaufende Rad der Schleifmaschine gab einen hohen Ton von sich.
„Ich weiß nicht, ob du es gehört hast? Ackermanns Tochter hat mir das Haus verkauft.“
Hans Kleinfeld hatte das Gefühl, als stecke ein Keil in seiner Kehle, nur mit Mühe gelang es ihm wieder einzuatmen. „Was hast du vor?“
Mit Daumen und Zeigefinger nahm Gereon Wagner eine fleckige Zeitung vom alten Holzstuhl und ließ sie auf den Boden fallen. Er betrachtete kurz die Sitzfläche, als ob er mit sich ringe Platz zu nehmen. „Was denkst du, habe ich mit der Bruchbude vor? Abreißen natürlich. Ich habe Pläne für einen großen Schuh-Diskounter. Um deine Schusterwerkstatt tut es mir leid, aber Geschäft ist Geschäft.“ Hans Kleinfeld konnte sich später nicht mehr daran erinnern, was er gedacht hatte, ob er überhaupt etwas gedacht hatte. Er konnte sich nur noch an Wagners Blick erinnern und an das Wort Niemand. Niemand würde ihm die Schusterwerkstatt wegnehmen. Schon gar nicht Gereon Wagner, der ihm schon zuviel im Leben weggenommen hatte! Die Augen waren Wagner wie einem Zwanzigpfünder hervorgequollen, der erkennen muss, dass er den Drill verloren hat.
Die richtige Mischung zum Anfüttern der Karpfen zu kreieren, ist eine Kunst, und die beherrschte er, Hans Kleinfeld. Diesmal hatte er sein Rezept etwas abändern müssen. Kleingemahlenes Fleisch im richtigen Verhältnis zu gedämpften Kartoffeln und eingeweichtem Brot. Algenmehl und Anis. Anis machte die kräftigsten Fische verrückt. Am Schluss warf er eine Handvoll frisch geriebenen Koriandersamen zu den Zutaten in den Waschkessel. Dann stellte er den elektrischen Rührlöffel an, den er selbst gebaut hatte. Den Futterbrei füllte er in die Fünflitereimer, die die Angelbrüder die nächsten Tage abholten.
Um seine Pose sah er einen schwarzen Schatten nahe der Oberfläche. Ein breiter Rücken, kräftige Schwanzflosse, die den schweren Körper mit einem Schlag mühelos beschleunigen konnte. Man würde die Trophäe umtaufen müssen in „Gereon-Wagner-Gedenkpokal“. Er lächelte. Am anderen Ufer meinte er den Ortspolizisten Hufgard zu sehen, der kleine Bällchen aus dem Futterbrei formte und sie ins Wasser warf. Ohne Leiche keine Anklage, dachte er und griff nach der Angel, ein Karpfen hatte gebissen.
Copyright © 2009 Stefan Valentin Müller