In bester Gesellschaft
Zweimal schlägt mein Kopf gegen die Kante der Heckklappe, dann ein taumelnder Tango und wir gehen unsanft zu Boden. Glotz nicht so entsetzt! Ich kann mir auch An-genehmeres vorstellen, als gerade auf dir zu liegen. Oh, wie bezaubernd sich die kleine Kapelle im Mondlicht ausnimmt! Erinnerst du dich? An unserem Hochzeitstag hast du mich auch getragen. Damals hing mein Kopf allerdings nicht auf Höhe deines Gesäßes, das, mit Verlaub, auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Sie hat übrigens Courage, dei-ne Geliebte. Und Schlagkraft! Will sie dich endlich für sich allein? Mit dem Geld wäre ich euch für immer erspart geblieben, wäre abgetaucht, weit weg von dir und dieser sti-ckigen Monotonie. Du Narr wolltest mir den plötzlichen Geldsegen wohl verheimli-chen? Ein einfallsloser Schwachkopf bist du! Eine Spende, wirklich lächerlich! Was für ein entzückender Friedhof, sogar mit Ausblick auf die Maare. Eine wahrhaft exklusive Ruhestätte für die ausgemusterte Gattin! Du verfügst über Restbestände romantischen Empfindens, mein Lieber. Die Würmer hier werden mir eine amüsantere Gesellschaft sein als du.
Er trug sie vorbei an der Kapelle und dem angrenzenden Friedhof zum Ufer der Maare. Seine rechte Schulter schmerzte infolge des harten Sturzes. Als sie plötzlich auf ihm lag, steif und kalt, erfasste ihn ein beklemmendes Grauen und er stieß die Leiche pa-nisch von sich. Für einen Moment glaubte er, ihr spöttisches Lachen zu vernehmen. In den letzten Jahren war seine Frau unausstehlich geworden, ließ keine Gelegenheit aus, ihn zu demütigen. „Trostloses Würstchen“ schimpfte sie ihn in Anwesenheit von Freunden und Bekannten, angetrunken und lautstark. Betretenes Schweigen unter den Partygästen, während er sich bemüht gelassen gab. „Sie spielt uns in die Hände“, hatte Elisa geflüstert und ihm einen bedeutenden Blick zugeworfen, den er nicht einordnen konnte. Noch am selben Abend unterbreitete sie ihm ihre Idee. Ein einziges Telefonat würde genügen, für den tödlichen Schlag sei sie zuständig, er brauche lediglich das Geld zu besorgen. Er liebte Elisa und ihr Bitten und Flehen ließ ihm keine Wahl. Elisa, seine gefühlvolle Elisa, zu lange hatte er ihr ein Leben im Verborgenen zugemutet. Ihr Plan ging auf. Seine Frau belauschte neugierig sein fingiertes Telefonat. Von Geld war die Rede, eine unerwartete Erbschaft, insgesamt 300.000 Euro. Er wolle es in eine Stif-tung fließen lassen, sobald es auf seinem Konto verbucht sei. Mit langen ruhigen Schlä-gen ruderte er bis zur Mitte des Vulkansees und ließ den Sack mit Backsteinen be-schwert auf den 50 Meter tiefen Grund hinabsinken. „Hier bist du in bester Gesell-schaft“, verabschiedete er seine Frau. Die Totenmaare, ein feuchtes Grab für die Hab-gierigen und Herzlosen.
Elisa wartete wie vereinbart im Auto. Durch den Rückspiegel sah sie ihn stürzen. Un-willkürlich musste sie über das skurrile Schauspiel lachen. Mühsam rollte er sich unter dem leblosen Gewicht hervor, schulterte den Sack erneut und stolperte in die Dunkel-heit. Bisher war alles reibungslos verlaufen. Seine Frau hatte nicht lange gezögert. Be-reits einen Tag nach dem Telefonat hob sie das Geld von dem Konto ihres Mannes ab. Ihr spurloses Verschwinden würde niemanden misstrauisch machen, konnte Elisa ihn beruhigen. Nicht, nachdem seine Frau ihre Verachtung derart zur Schau getragen hatte. Verlassen hätte sie ihn, vorher sein Konto geplündert. Das Geld? Ein Kredit, aufge-nommen für eine größere Investition, ja, seine Frau hätte natürlich davon gewusst und die Gelegenheit schamlos ausgenutzt. Elisa griff auf die Rückbank und zog einen Koffer hervor. Sie öffnete ihn und ließ die Hand liebevoll über die Scheinbündel gleiten. 300.000 Euro! Ein Jahr war sie mit ihm ins Bett gestiegen, hatte sein erbärmliches Le-ben versüßt. Wie gut sie seine Frau verstehen konnte!
Als die Leiche den Grund der Maare erreicht, verlässt der Wagen den Parkplatz der malerischen Kapelle. Gegen das Licht des Vollmonds zeichnet sich die Silhouette eines einsamen Ruderers ab.
Copyright © 2009 Nicole Mahne