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So ganz ohne Nachbarn

Als das Telefon klingelte, hatte Reinhard Ehrmann gerade das Mittagessen vor der Panorama-scheibe mit Blick auf die in allen Grüntönen schimmernden Berge eingenommen.
„Eifeler Regionalkurier, ich darf Sie beglückwünschen.“
„Wozu?“ Ehrmann brauchte ein wenig, um wieder in der Wirklichkeit anzukommen.
„Sie haben einen Präsentkorb gewonnen.“, sagte der Mann am Telefon.
„Ich nehme grundsätzlich nicht an Gewinnspielen teil.“
„Sie sind das 1000.Mitglied des Fördervereins der städtischen Leihbücherei.“
„Ich war hier nie in einer Bücherei.“
„Das müssen Sie auch nicht.“ Der Mann am anderen Ende der Leitung schien dieses Gespräch schon öfter geführt zu haben. „Jedes neue Mitglied unserer Gemeinde gehört automatisch dazu. Wie Sie es auch drehen und wenden – Sie haben gewonnen. Und ich werde ein Porträt über Sie in unserer Zeitung schreiben. Wann kann ich vorbei kommen?“
„Gar nicht!“, brummte Ehrmann, „Ich stifte das Zeug!“ Dann legte er auf.

Als es am Nachmittag an der Tür klingelte war Ehrmann gerade beim Wirtschaftsteil.
Ein junger Mann in Jeans und halblanger Lederjacke stand vor der Tür..
„Sven Sander, Eifeler Regionalkurier.“, sagte er strahlend, „Ich hatte mich eben angemeldet.“
Bevor Ehrmann antworten konnte schob sich der junge Mann in die Wohnung.
„Raus mit Ihnen!“, sagte Ehrmann „ich will keinen Artikel in der Zeitung.“
„Publicity braucht doch jeder!“ Sander legte ein sonores Timbre in die Stimme.
„Ich nicht!“, wiederholte Ehrmann. „Bitte verlassen Sie sofort mein Haus.“
Jetzt drehte sich Sander um. Alles Freundliche war verschwunden, als sei es nie da gewesen.
„Ich werde einen Artikel über Sie schreiben, so viel steht fest.“
“Ich will nicht!“ sagte Ehrmann wie ein trotziges Kind. Was wollte dieser Typ?
„Soviel passiert hier in der Eifel nicht!“ fuhr der junge Mann fort. Ich kann mir doch ein so wichtiges Thema für einen Artikel nicht entgehen lassen. Schließlich lebe ich davon.“
Ehrmann hatte verstanden. Er begann nach seiner Geldbörse zu suchen.
„Hier sind 50 Euro, das dürfte die Unkosten für den entgangenen Artikel decken.“
 „Was denken Sie über die Eifel?“ sagte der Journalist lachend.
„Nur das Beste“, sagte Ehrmann, jetzt hörbar gereizt. „Hier wohnen nette, freundliche Men-schen, aber jetzt lassen Sie mich um Gottes Willen endlich allein.“
Sander ging als Antwort ins Wohnzimmer und setzte sich mit Blick auf die Landschaft.
„Ich rufe die Polizei!“ sagte Ehrmann.
„Bestellen Sie Rudi schöne Grüße, ich muss sowieso bei ihm vorbei, die Äpfel abholen“, sagte Sander gut gelaunt. „Es zieht, ich schlage vor, Sie schließen die Tür und setzen sich.“
Ehrmann atmete tief, ging zurück in den Flur, schloss die Haustür und setzte sich.
„Hören Sie!“, begann Ehrmann, „ich habe mich hier in die Eifel zurückgezogen, weil ich meine Ruhe haben will. Unberührte Natur, gradlinige Menschen, warmherzige Gastgeber...“
„Sie haben unser Prospektmaterial aufmerksam studiert. „Die eigenwillige und urwüchsige Landschaft zu entdecken ist ein Erlebnis.“ Hat Ihnen der Makler auch versprochen, dass Sie keine Nachbarn haben werden, und dass Sie sich unbeobachtet fühlen können.“
„Ja natürlich, das ist schließlich ein gutes Argument um hier zu wohnen.“
 „Sie sind nicht ganz freiwillig hier, oder?“
„Natürlich bin ich freiwillig hier!“
„Na ja“, Sander lächelte, „im Golfclub in Frankfurt sieht man sie im Moment nicht so gerne.“
 „Was wollen Sie von mir?“ Ehrmann konnte sich nicht erklären, was das Ganze sollte.
„Von Ihnen persönlich... nichts, obwohl... die Finanzkrise kennt nicht nur Verlierer!“
„Niemand kann mir vorwerfen, dass ich Geld verdient habe.“
“Nein, aber Sie haben im großen Stil abgeräumt. Allein Ihre Abfindung für einen Fonds, der Tausende in den Ruin getrieben hat, war siebenstellig.“
„Es war alles absolut legal.“
„Trotzdem ist es besser abzutauchen, bis sich die Wogen ein wenig geglättet haben.“
„Ich gebe Ihnen einen Scheck über zehntausend, wenn Sie sofort verschwinden.“
Diesmal lächelte Sander nur, ihre Vorstellungen schienen sich zu nähern.
„Unangenehm so ein Artikel... Demonstranten vor dem Haus, zerstochene Reifen...“
“Zwanzigtausend!“
“Wenn es nur um mich ginge, kein Problem. Aber hier in der Eifel, halten wir zusammen. Und der Kindergarten im Ort ist stark renovierungsbedürftig...“
„Was geht mich ihr Kindergarten an!“
„Vielleicht denken Sie mal an Nachwuchs!“
„Denke ich nicht. Lassen Sie mich in Ruhe. Ich brauche niemanden!“
“Jetzt stellen Sie sich nur mal vor, Sie hätten eine verstopfte Toilette, und der Klempner kommt nicht. Wochenlang nicht. Monatelang nicht. Also ich fände das unangenehm.“
„Wieso sollte der Klempner nicht kommen?“
„War schon jemand wegen der Fernsehantenne da?“
“Nein, wieso?“
„Ja, das wird dauern. Ich habe gesehen, der Müll wurde auch nicht abgeholt.“
„Seit Wochen nicht!“
„Ja, das geht hier vielen Neubürgern so, die in der Finanzkrise hierher gezogen sind.“
„Sie wollen sagen, die holen den Müll mit Absicht nicht ab?“
“Glauben Sie, der Händler bringt Ihnen keine Getränke, weil sie so weit weg wohnen? Und dass Sie keinen Termin beim Friseur kriegen, halten Sie doch nicht etwa für Zufall?“
Ehrmann sagte kein Wort. Er saß auf dem Sofa und man sah, dass es in ihm arbeitete.
„Meine Putzfrau hat gesagt...“
„Ja, die Agnes!“ Sander schmunzelte, „Sie weiß leider nicht, was ein Investmentfonds ist“
„Unterstehen Sie sich, sie aufzuhetzen. Ich brauche sie hier!“
„Wir sind eine große Familie, Herr Ehrmann. Da bahnen sich wichtige Informationen mit großer Kraft ihren Weg. In diesen rauen Gegenden sollte man ein Zeichen setzen.“
„Verlassen Sie mein Haus!“
“Stellen Sie sich vor, Sie sind auf „Essen auf Rädern“ angewiesen, und zu Ihnen kommt nie-mand. Der Apotheker kann Ihre Medikamente nicht auftreiben. Das passiert hier oft, wenn ein Fremder etwas bestellt. Auch mit Zahnschmerzen möchte man nicht stundenlang fahren, ehe man einen Arzt findet, der Fremde behandelt. Selbst die Feuerwehr ist hier sehr wählerisch.“
„Ich werde schon für mein Recht kämpfen!“
„Schlechtes Stichwort. Auch ein Rechtsanwalt, der Fremde vertritt, ist hier schwer zu finden.“
„Was ist, wenn ich nicht zahle?“
„Auch eine Möglichkeit. Der Kollege für das Interview im Radio kommt übermorgen, und der Schneeräumdienst kommt dieses Jahr gar nicht mehr. Ihre Autowerkstatt ist leider überlastet.“
Ehrmann schaute grimmig vor sich hin und schwieg.
„Seien Sie froh, dass ein Kollege von Ihnen die Schule schon hat renovieren lassen. Das war richtig teuer. Aber überlegen Sie mal. Vielleicht wollen Sie ja gar nicht in der Eifel bleiben?“
„Wie viel kostet mich der Kindergarten?“
„Wundern Sie sich aber nicht, wenn Sie für das Haus nicht mehr den Preis bekommen, den Sie dafür bezahlt haben. Die Familie des Maklers ist seit vielen Jahrzehnten hier ansässig.“
Sander stand auf und ging Richtung Wohnungstür, ohne sich umzudrehen.
 „Übermorgen bekommen Sie den Kostenvoranschlag für den Kindergarten! Eine Spenden-quittung gibt es leider nicht. Ihr zuständiger Finanzbeamter ist  von hier.“
Sander öffnete die Haustür, grüßte noch einmal kurz und verschwand dann über den schmalen Weg Richtung Straße. Ehrmann sah ihm nach. Die grüne Landschaft war wie von einem hauchdünnen giftigen Film überzogen. Es roch nach Schwefel und ein kalter Wind bauschte jede Falte seiner Kleidung. Ewig würde er hier nicht bleiben können. Wie konnte man sich sicher fühlen, wenn man ein ganzes Eifelstädtchen gegen sich hatte.
 
 

Copyright © 2009 Michael Rossié

 


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